papyrus in der Frankfurter Rundschau


Die Frankfurter Rundschau berichtete am 28. 4. 2003 über unser Archiv:


Mit 30 Jahren fängt das Prickeln an

In Wuppertal hortet "Papyrus" 800 000 Zeitungen der vergangenen Jahrzehnte - nicht nur für Geburtstagskinder

Von Walter Schmidt


Heike Makatsch hat eine bekommen. Walter Scheel, Johannes Rau und Thomas Gottschalk auch. 

Der Grund war immer derselbe: Sie hatten Geburtstag und sollten ein originelles Geschenk erhalten. Also bestellte ihnen jemand eine Zeitung. Keine beliebige, sondern eine Ausgabe vom Tag ihrer Geburt.

Bei Scheel lag dieser 1999 bereits stolze 80 Jahre zurück. Der in Solingen geborene Alt-Bundespräsident kam am 8. Juli 1919 zur Welt.

Für Ilona Rückemann war auch das kein Problem. Denn im Archiv ihres "Papyrus Zeitungsantiquariats" in Wuppertal lagern rund 
800 000 Zeitungen und Zeitschriften aus den vergangenen 150 Jahren - allesamt Originale. 

Mehr als 800 Titel, auch einige ausländische wie die New York Times, sind zehn Jahre nach dem Start im Mai 1993 vorrätig - einzeln oder in dicken Bänden, aus denen sie mit einem Skalpell herausgetrennt werden. 

Wer seiner alten Tante oder seinem Kollegen ein Blatt vom ersten Lebenstag schenken möchte, hat die Wahl: Von den meisten Tagen der vergangenen 100 Jahre sind fünf bis zehn verschiedene Zeitungen vorhanden, und die "goldenen Fünfziger" sind sogar mit knapp 70 Exemplaren pro Tag vertreten.

Die meist erstaunlich gut erhaltenen Druckwerke stapeln sich sortiert in langen Regalreihen oder noch ungeordnet in Pappkisten. Brandschutztüren sichern die Übergänge der einzelnen Lagerräume. "Wir sind gut gegen Feuer versichert", sagt Reinhard Rückemann, der früher Lehrer war und seiner Frau aushilft, wenn viel zu tun ist. Doch natürlich wäre ein Brand verheerend, denn die Zeitungen sind "nicht zu ersetzen, versichert ist ja nur der Zeitwert". 

Gefährlich sind auch Feuchtigkeit, Wärme und vor allem Licht, das die meist auf schlechtem Papier gedruckten Blätter vergilben und schließlich zerbröseln lässt. "Deshalb muss es im Lager trocken, kühl und dunkel sein", sagt Rückemann. Sonst könnte das "papyrus"-Antiquariat einer Firma zum 150. Unternehmensjubiläum nur noch ein Häufchen mit vergammelten Papierfetzen statt gut lesbarer Originale liefern.

Die meisten Kundenanfragen betreffen den Zeitraum von 1920 bis 1970. "Zeitungen werden erst ab einem Alter von 30 Jahren interessant für uns", sagt Rückemann. Dann erreichen Menschen einen Lebensabschnitt, in dem sich der Blick auch nach hinten richtet, auf die persönlichen Ursprünge. 

"Eine Zeitung mit dem eigenen Geburtsdatum darauf ist kein Altpapier mehr, da prickelt es und es entsteht ein persönlicher Bezug", erklärt Rückemann den Reiz einer Geschenkzeitung. Die wichtigste Zielgruppe seien "Frauen zwischen 30 und 50, weil die sich häufig um Geschenke kümmern".

Natürlich gebe es auch Eltern, die ihrem Sprössling zum 18. Geburtstag eine passende Zeitung schenken - möglichst eine aus der Heimatregion, was allerdings nicht immer möglich ist. Zwar steht das Antiquariat im Kontakt zu den wenigen anderen privaten Zeitungsarchiven in Deutschland und selbst zu solchen im Ausland, doch nicht selten bleibt nur der Griff zu einer überregionalen Zeitung, von der Exemplare leichter zu beschaffen waren.

Die eingelagerten Zeitungen stammen meist aus Aufkäufen, entweder aus vergleichbaren Lagern, aus öffentlichen Archiven in Auflösung oder von Privatsammlern, zu denen "papyrus" über bundesweit geschaltete Annoncen Kontakt findet. Rückemann erinnert sich noch an den Fall eines Mannes, "der sein Leben lang seine Abo-Zeitung gesammelt hat, weil er später noch mal darin lesen wollte. Als er dann starb, wollte seine Frau alle Zeitungen schnell loswerden." 

Dankbar war das Wuppertaler Archiv auch für jene fast komplette Sammlung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ein Mann seit 1954 aufgebaut hatte. "Der hat keine Ausgabe weggeschmissen, so dass der ganze Dachboden voll lag", erzählt Rückemann.

Obwohl die Geschenkzeitung zu privaten Anlässen ganz klar das Brotgeschäft des kleinen Unternehmens mit seinen zwei festangestellten Mitarbeitern, einem Azubi und bis zu acht Aushilfen ist, kommen viele der reizvollsten Aufträge aus einer anderen Ecke. Papyrus beliefert nämlich auch Museen, Theater, Film und Fernsehen. Ein guter Kunde ist das Haus der Geschichte in Bonn. Für dessen zeitgeschichtliche Ausstellungen wie "Bilder, die lügen" (1998 / 99) oder für die aktuelle Schau zum "Sonntag" hat das Antiquariat authentische Zeitungen und Illustrierte geliefert.

Auch als Harald Schmidt in seiner Show einmal Originale der Bild jener drei Tage im 20. Jahrhundert zeigen wollte, an denen die Siege der Deutschen bei der Fußball-Weltmeisterschaft verkündet wurden, schaltete Schmidts Redaktion "Papyrus" ein. "Da hieß es mittags am Telefon, der Harald hat da so eine Idee gehabt", erinnert sich Rückemann. Hoch her sei es dann im Archiv gegangen, denn Sendetermin war schon am selben Abend.

Überdies beliefert das Zeitungsarchiv immer wieder auch Filmproduktionen. So stammten etwa die Zeitungen für "Das Todesspiel", einen TV-Film über die Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer 1977, aus Wuppertal. Ungewöhnlich war auch die Anfrage eines bekannten Möbelherstellers, der vor Jahren einmal den europaweit rund 7000 speziell geschulten Verkäufern seiner Erzeugnisse eine Zeitung vom jeweiligen Tag der Geburt schenken wollte.

Da manche Menschen nun einmal zwischen 1933 und 1945 geboren sind, liefert "Papyrus" auch Zeitungen aus den Jahren des Nationalsozialismus, und auch DDR-Zeitungen gehören zum Bestand. "Wir distanzieren uns ausdrücklich vom nationalsozialistischen oder kommunistischen Inhalt dieser Zeitungen", sagt Ilona Rückemann. Außerdem verurteile ihr Unternehmen "alle gewaltverherrlichenden und ausländerfeindlichen Darstellungen" in manchen dieser Zeitungen. 

Wenn etwa Hans-Peter Hiby, der "Papyrus"-Archivar, eine Kölnische Illustrierte aus dem Jahr 1937 aus dem Regal holt und durchblättert, stößt er sehr rasch auf Überschriften wie "Jude überall erkannt". Dann schüttelt Hiby den Kopf und findet es "ganz schlimm, wie damals gehetzt wurde". Doch schon weil die Zeitungen des Archivs bisweilen zur zeitgeschichtlichen Recherche dienen, lassen sich die braunen Jahre nicht ausklammern.

Darüber, ob die Geschäfte auch in Zukunft noch gut laufen werden, machen sich die Rückemanns keine großen Sorgen. Vermutlich wird auch eine Computer- und SMS-Generation, die gedruckten Zeitungen nicht mehr so nahe steht, zuweilen Geschenknot leiden und froh sein über eine sinnige Alternative zur Flasche Rotwein. Zurzeit gingen die Geschäfte trotz lahmender Konjunktur noch sehr gut, das Unternehmen erwirtschafte einen "Millionenumsatz".

Immerhin 50 Euro plus Versandkosten kostet eine Geschenkzeitung inklusive Geschenkurkunde und -mappe. Reinhard Rückemann verweist auf hohe Kosten für Lager und Werbung und sagt: "Das ist ein Preis, den die Leute bereit sind zu zahlen für ein sehr persönliches Geschenk." 

Papyrus ist im Internet zu erreichen unter www.geschenkzeitung.de oder telefonisch unter 02 02 / 64 65 63


Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/